Sonntag, 24. Mai 2009

Riesenbücherflohmarkt, kulturelle Highlights auf der Wiese und sozialer Buchverkauf für Schlafsäcke: rund ums Buch in Missouri, Wales und Wien.

auf Deutsch: interessante Links aus der Bücherwelt:

Ein kleiner Ort in Wales steht seit diesem Wochenende für zehn Tage im Mai ganz im Zeichen von Literatur und Kunst:
Hay-on-Wye nicht weit von der Grenze zum englischen Herefordshire in den West Midlands; das entsprechend County in Wales heisst Powys; eine zauberhafte, verwunschen wirkende Gegend mit viel Natur; wie geschaffen für eine harmoniche kulturelle Parallelwelt, die wir heute alle so bitter nötig haben als Medizin für unsere verstörten Seelen.

Das weit über die Waliser Grenzen hinaus bekannte und gerühmte - Bill Clinton ist laut Wikipedia bekennender Fan und Gast - Hay Festival ist kein hausgemachtes Waliser Folklore-Event, sondern wird von London aus dirigiert: zu Beginn vor mehr als 20 Jahren von der konservativen Sunday Times, aktuell vom liberalen Guardian, neben Sony Hauptsponsor des kleinen, engagierten Festivals mit grünalternativem Touch; eine Mischung aus intellektuellem Familienfest, Book-Event mit Lesungen von und Gesprächsrunden mit angesagten Autoren und natürlich Börse für Leute, die mit Büchern Geschäfte machen. Bill Clintons Bezeichnung von Hays als "intellektuellem Wooestock" trifft es wohl im Kern.

Die Großen der englischsprachigen Belletristik und Sachbuchliteratur sowie handverlesene Musikstars geben sich alljährlich auf den walisischen Wiesen ein Stelldichein, in diesem Jahr u.a. der legendäre Fernsehmoderator David Frost und die amtierende britische Hofdichterin (poet laureate), die für ihre feministischen Kurzgedichte berühmte Schottin Carol Ann Duffy; am 31. Mai gibt sich Popstar Sting die Ehre: gemeinsam mit Gattin und Shakespearedarstellerin Trudi Styler talkt der ehemalige Police-Frontman in einem Hotel über das Eheleben von Clara und Robert Schumann im Vergleich zu seinem und über ehrgeizige eheliche Kulturprojekte in London: allein das wäre schon allein die Reise nach Wales wert;-).

Für die lieben Kleinen wurde traditionell mit dem "Hay Fever" ein vielseitiges und altersgerechtes Anti-Quengel-Programm auf die Beine gestellt; wer an Karten interessiert ist, kann sich auf der offiziellen Website schlau machen; getwittert wird natürlich - wenn auch sehr bescheiden - auch; neu ist in diesem Jahr die Zusammenarbeit mit der britischen Charity-Organisation Oxfam, die mit einem großen Bücherstand für gebrauchte Bücher vor Ort sind und einen Preis stiften; gegen eine Spende von 5 Büchern pro Tag gibt es zudem 1 Ticket zu einem der Festival-Events; Ehrengäste von Oxfam sind immerhin der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu und Model und Schriftstellerin Sophie Dahl.

Das Hay Festival hat inzwischen Ableger in Kolumbien und Spanien; für soviel Rührigkeit gab´s in diesem Jahr den Queen´s Award for Enterprise.

Bücherfreunde auf der Suche nach dem ultimativen Schnäppchen können auch auf Reisen fündig werden, vor allem bei sozialen Bücherflohmärkten kirchlicher und weltlicher Organisationen und den durch Spenden aufgestockten Ausverkäufen der Leihbibliotheken. Was es in Deutschland in dem Ausmaß gar nicht gibt, ist in den USA vom Volumen her ein landesweites Riesengeschäft, bei dem sich auch professionelle Antiquare regelmäßig eindecken.

So lädt die Distriktbibliothek von St. Charles bei St. Louis in Missouri für das kommende Pfingstwochenende zum grossen Sommerbücherflohmart mit sage und schreibe 250.000 Angeboten. Vom 29.-31. Mai kann von 9 Uhr morgens bis abends um 21 Uhr nach Herzenslust gestöbert werden, Eintritt muss dafür sogar bezahlt werden: saftige 5$ am ersten Tag (vermutlich, um die ganz rüden Schnäppchenjäger mit den Scannern (wir berichteten) von vornherein abzuschrecken); am 2. Tag ist der Eintritt frei und am 3. gibt´s die Reste eingetütet zum Einheitspreis von 5$ in der Einkaufstragetasche. Das Ganze findet statt in der 5. Straße (5th Street) von St. Charles in Nähe des Veteranenmemorials (wird aber sicher ausgeschildert sein); da St. Charles zudem ein hübsches Touristenörtchen mit Erinnerungen aus der Sklavenzeit, an Abraham Lincoln und sogar mit Original-Einschusslöchern von Kugeln aus einer Waffe von Al Capone ist, lohnt sich der Trip dorthin, wenn man schon mal in der Gegend ist, auf jeden Fall. So ein Riesenbücherflohmarkt ist sicher ein einmaliges Erlebnis. Nähere Infos gibt es hier.

Nicht einmal im Jahr, sondern allwöchentlich 3 Mal findet der soziale Bücherflohmarkt in Wien statt: vor dem Bahnhof Floridsdorf zugunsten obdachloser Menschen, unterstützt von Caritas und SPÖ, hier Näheres. Termine: jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag von 10 bis 18 Uhr, auch bei Schlechtwetter. Von den Erlösen werden u.a. Schlafsäcke für wohnungslose Wiener angeschafft. Floridsdorf ist der 21. Wiener Gemeindebezirk, sagt die Wikipedia. Der Sozialflohmarkt hat mittlerweile auch ein Online-Angebot und bietet dort neben ca. Buchtiteln von gepflegtem Kitsch bis zum Fachbuch auch Schallplatten an.

Hochwertig-antiquarische Bücher kann der Sammler in Wien allsamstäglich auf dem Antik- und Kunstmarkt rund um die
Mariensäule auf dem Platz am Hof erwerben: Schwerpunkt dieses Edel-Flohmarktes sind antiquarische Bücher allerdings nicht. Von März bis November ist der Markt von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Weitere Flohmarkttermine aus Wien und Umgebung finden sich hier.

Dass Amazon nun auch den Markt für echte antiquarische Bücher mit Sammlerwert von innen her angeht, pfeifen ja mittlerweile die Spatzen von den Dächern; was das für die somit auf Dauer vielleicht überflüssiger Ballast werdende Adoptivtochter Abebooks bedeuten mag, wird sich zeigen. Bislang ist es recht schwierig, bei Amazon Marketplace hochpreisige antiquarische Bücher zu verkaufen, schlicht, weil der Sammler sie dort nicht vermutet. Jetzt bietet zumindest Amazon USA neue Feineinstellungen für den antiquarischen Anbieter an: Sammlerwert (Erstausgabe, Erste Taschenbuchausgabe, erste amerikanische Ausgabe etc.,), die Rubrik "signiert" sowie eine für den Zustand des Schutzumschlags bei gebundenen Büchern (der ja nicht für jeden Sammler unbedingt von Bedeutung ist); hier die Ausführungen von Amazon; näheres dazu bei Steve Weber. Wie sich Amazon Deutschland in Sachen antiquarischer Buchhandel bewegt, wird sich zeigen. Bei uns ist eben, gerade und vor allem auch im antiquarischen Buchhandel, alles ein bisschen langsamer und schwerfälliger als in den USA.

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